9. Juli 2012

Der gläserne Deutsche - Wie der Bürger ausgespäht wird



Die Deutschen haben ein Recht darauf zu erfahren, "wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß", urteilte das Bundesverfassungsgericht 1983. Ist das immer noch so? Mehr als ein Vierteljahrhundert später beschäftigt sich das ZDF mit der Frage: Haben wir unsere Daten tatsächlich noch im Griff?

Verbraucherschützer, Datenschützer, Politiker - immer wieder wird gewarnt: Passt auf eure Daten auf! Doch dass immer mehr persönliche Daten kursieren, diese verkauft, verloren und missbraucht werden, ist längst nicht immer nur auf fahrlässigen Umgang zurückzuführen. Der Handel mit Daten ist hinter dem Rücken der Bürger zu einem riesigen Geschäft geworden und hat Dimensionen angenommen, die sich kaum einer vorstellen kann - und zwar ganz legal.

"Der gläserne Kunde von heute - was man über sie und ihren Nachbarn so alles weiß" - so lautete nicht etwa der Slogan einer Datenschutz-Runde, sondern war der Titel einer Infoveranstaltung der Deutschen Post, bei der sie ihre umfangreiche Datensammlung bewarb. Die Post gehört zu den größten Datensammlern in Deutschland, bei ihr sind über 37 Millionen Haushaltsadressen mit mehr als einer Milliarde Informationen gespeichert.

Single oder Familie? Reich oder arm? Mercedes oder Fiat? Gut informiert oder eher eingeschränkt? Interesse an Unterwäsche, brauner Ware oder Gartenarbeit? Was auch immer für Menschen-Typen der Kunde verlangt, die Post hat den passenden Namen parat. Das Angebot kann auch ganz individuell zusammengestellt werden.

Die Informationen stammen dabei aus verschiedensten Quellen. Versandhändler wie Neckermann oder Quelle geben Informationen über die Kundenbonität oder Produktvorlieben preis, aus Wahlergebnissen wird auf die Partei-Affinität geschlossen und wer welches Auto fahren könnte, schließen Adresshändler aus den Daten des Kraftfahrtbundesamtes. Wer das Handelsblatt oder die FAZ abonniert, könnte ein hohes Einkommen haben und und bei wem "Keine Werbung" auf dem Briefkasten steht, der verweigert Werbung vermutlich ganz. So werden mehr oder weniger genaue Datenbanken mit Kundenprofilen angelegt.

Um diesen Datenhandel zu erschweren, plant die Politik ein neues Datenschutzgesetz. Doch kaum einigte man sich auf einen Entwurf, der die Einwilligung des Verbrauchers mit der Datenweitergabe verknüpft, trat die Lobby auf den Plan und läuft Sturm gegen das neue Gesetz. In diesen Wochen entscheidet sich, wie viel Erfolg sie damit hat. Immer mehr Bundestagsabgeordnete rücken von dem Vorhaben bereits wieder ab.

Die Datenskandale der Vergangenheit allerdings wären auch ohne eine Gesetzesverschärfung illegal gewesen. Der Film dokumentiert gravierende Verstöße gegen das Bundesdatenschutzgesetz, oftmals verbunden mit tiefgreifenden persönlichen Konsequenzen für die Betroffenen. So musste der Außendienstmitarbeiter eines großen Pharmaunternehmens eines Tages feststellen, dass er vermutlich über Jahre heimlich mittels Peilsender überwacht wurde.

Wie sehr Staat und Privatwirtschaft bereits gegen den Datenschutz miteinander kooperieren, wenn es um die "innere Sicherheit" geht, zeigt sich an einem besonderen Fall von zwei Berliner Wissenschaftlern. Andrej Holm und Matthias B. gerieten unter Terrorverdacht und damit unter monatelange Dauerüberwachung - jede Bewegung wurde protokolliert, Telefongespräche abgehört, Treffen mit Freunden belauscht. Dabei fanden die Ermittlungsbehörden tatkräftige Helfer unter Mitarbeitern der Deutschen Bahn, eines Reiseveranstalters und einer großen Bank, die bereitwillig sehr persönliche Informationen preisgaben. Einer der beiden Überwachten, Matthias B., erzählt zum ersten Mal seine Geschichte. Er will nicht erkannt werden, damit er nicht im Internet als "Verdächtigter" gespeichert wird. "Das Internet vergisst nichts", erklärt er uns, "jeder der nach mir googelt, sähe meinen Namen in Verbindung mit "Terrorismus" und "Tatverdacht", das wird man dann nie wieder los."

Die Mehrheit der Deutschen sammelt Payback-Punkte und surft im Internet. Sie fährt mit der Bahn, zahlt mit Kreditkarte und bestellt beim Versandhändler. Sie kommuniziert viel und gerne und freut sich, dass das digitale Zeitalter das Leben in vielerlei Hinsicht leichter macht. Wie leicht wir dabei aber auch den Überblick verlieren über den Verbleib unserer Daten ist Thema der Dokumentation - was passiert - "Wenn Bürger gläsern werden".

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